08.04.2016

Die Sonnenseiten meiner Arbeit: Honig der Freiheit

Gedanken zur Arbeit als Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft

Die Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften (SPL) im Netzwerk Pflegefamilien im VSE treffen sich regelmäßig in Arbeitsgruppen. Dort beschäftigen sich die Pädagoginnen und Pädagogen mit Themen, die alle gleichermaßen betreffen, oft aus schwierigen Situationen heraus entstehen und die gemeinsam angeschaut und gelöst werden wollen. Zurzeit arbeiten die Arbeitsgruppen am Thema Fundraising. In einem ersten Schritt sollte jeder Teilnehmer formulieren, was er an seiner SPL schätzt, welches die Sonnenseiten seiner Arbeit sind. So entstand mein folgender Text.

An einem Sonntag im Januar fuhren wir nach Krefeld zum Verwandtenbesuch. Unsere Tochter Frauke, 26, Erzieherin, die viel mit unserem Pflegesohn M. arbeitet, brachte eine Zeitschrift mit, um mich einen ihr sehr wichtigen Artikel mit dem Titel “Honig der Freiheit” lesen zu lassen.

Ich las den Text  auf der Fahrt laut vor. (Quelle: Kullack-Ublick, “Honig der Freiheit”, Erziehungskunst 1.2016. Siehe unten). Wir kamen ins angeregte Sprechen und Diskutieren. Der Kern dieses Textes war für uns: 

„Erschütterungen, die uns immer drängender mit der Frage konfrontierten, worum es uns auf dieser Erde überhaupt geht. Das wiederum ist keine neue Frage! Ärgerlich nur, dass man sie nicht beantworten kann, ohne dass die Antwort Auswirkungen auf das eigene Leben hat.” 

Die Essenz war die Aussage meines Mannes: „Wenn es um Bienen geht, könnte ich politisch werden.“ Er ist Imker. Er schilderte, dass wir eigentlich keine Mandeln aus Amerika mehr essen dürften, weil diese in einem unvorstellbaren Ausmaß von nicht würdevoll gehaltenen Bienen bestäubt werden. Es ließen sich noch zahlreiche andere Missstände in allen Lebensbereichen finden. Aber nun will ich wieder die Brücke zum Thema SPL und den Sonnenseiten meiner Arbeit schlagen.

Denn auch ich könnte, wenn es um meine pädagogische Arbeit geht, politisch werden. Mir geht es in meiner Arbeit darum, Antworten und Erkenntnisse zu finden, die Auswirkungen auf mein eigenes Leben haben.

„Bienen sind Sonnenwesen..., (die) uns vor allem zeigen, wie es um unsere Seelen bestellt ist.“ Auf meine Pädagogik übertragen heißt das: Kinder sind Wesen einer Gesellschaft und sie zeigen uns, wie es um diese Gesellschaft bestellt ist. Und weiter Kullack-Ublick: „Die Liebe, die wir in unserem Herzen hegen, ist die ‚Substanz des Bienenstocks‘. Genauso ist es auf der pädagogischen Ebene: Die Einstellung der Erwachsenen, die diese in ihrem Herzen hegen, ist die Substanz aller pädagogischen Absichten. So wie wir innerhalb einer Zivilisation mit den Kindern umgehen, so ist es um unsere Seelen bestellt.

Das heißt nicht, dass nur die Liebe reicht, um mit Kindern arbeiten zu können. Selbstverständlich sind fachliche Kompetenz und Qualifikation unabdingbare Voraussetzungen. Jedoch geht es mir in meiner Arbeit darum, mich immer wieder „erschüttern (zu) lassen, um Entscheidungen zu treffen, durch die sich die Welt verändert.” Diese Art von Erschütterungen nähren meine Seele und beflügeln mich immer wieder. Gerade als Gegengewicht zu den ganz anderen Erschütterungen, die – bedingt durch die Biografie des aufgenommenen Kindes – im pädagogischen Alltag an der Tagesordnung sind und manchmal nicht aushaltbar scheinen.

Natürlich können wir als Pädagogen nicht alle Missstände beseitigen, nicht die Welt umdrehen. Aber ohne diese Liebe, die uns in die Lage versetzt, Auswirkungen auf unser eigenes Leben zu riskieren, kann Pädagogik meines Erachtens nicht gelingen. Wenn wir eigene leibliche Kinder haben, versetzt uns die (hoffentlich) selbstverständliche Liebe in die Lage, Auswirkungen auf das eigene Leben zuzulassen. Nach Nienstedt/Westermann sind wir nicht fertige Eltern, die ihre Kinder erziehen, sondern wir müssen uns das Elternsein aneignen, in einen Prozess gehen, der uns erst zu den Eltern unserer Kinder macht. Nicht nur unsere Kinder entwickeln sich, sondern auch wir Eltern entwickeln uns dank unserer Kinder, die uns immer wieder an unsere Grenzen bringen. Und auch wenn wir Pflegeeltern sind, kommen wir nicht umhin, uns um der Kinder willen in einen Prozess zu begeben, in dem wir uns das Elternsein, in diesem Fall auf professioneller Ebene, erarbeiten. Diese Qualität der Arbeit ermöglicht es mir, mich selbst weiterzuentwickeln, eine immer höhere Ebene des Menschseins zu erreichen. Und darin liegt die wahre Sonnenseite meiner Arbeit.

Ich hätte natürlich auch von unserer SPL schwärmen können, soll es doch eine Lobhudelei sein. Wir haben es wirklich gut: Ein um die 30.000 Quadratmeter großes Grundstück am Rande eines Industriegebietes, das in Felder und Wiesen übergeht, Wald, Wiesen, Berglandschaft. Obstbäume und -sträucher; eine eigene Brandschutzfirma als Gegengewicht zur pädagogischen Arbeit; Haustiere wie Hund, Katzen, Hühner, Enten, Gänse; Gewächshaus...

Arbeiten in den eigenen vier Wänden, finanzielle Absicherung vom ersten Tag der Selbständigkeit an in einer Höhe, die man in aller Regel bei keiner Firmengründung genießt, Gestaltungsfreiraum in der Arbeit, weitgehende Autonomie und nicht zuletzt eine Kooperation mit meinem Träger, dem VSE, der mich in höchstem Maße in meiner Arbeit unterstützt. Der VSE hat eine wertschätzende Haltung den SPLs gegenüber inne und er kennt das wirkliche Ausmaß der Belastungen und „Erschütterungen“ in dieser Arbeit. Außerdem schätzt und fördert er die Individualität jeder SPL und gibt mir das wertvolle Gefühl, immer an meiner Seite zu sein.

Immer, wenn ich mir das alles vor Augen halte, empfinde ich tiefe Dankbarkeit, ein so reiches und wertvolles Leben geschenkt bekommen zu haben, mit reichlich Begabungen ausgestattet zu sein und Lebensumstände angetroffen zu haben, in denen ich diese Begabungen entfalten und weiterentwickeln kann. Wenn das nicht die Sonnenseite ist! 

Brigitte Renner-Niemietz

 

 

Honig der Freiheit

von Henning Kullak-Ublick 

2015 war ein Jahr der Erschütterungen. Erschütterungen, die unendliches Leid, aber auch unerwartete Wellen der Hilfsbereitschaft mit sich brachten; die Risse im dünnen Eis unseres noch nicht wirklich demokratisch verfassten Europa sichtbar und den Neo-Nationalismus stark gemacht haben; die unsere gefühlte Geborgenheit vor der Bedrohung durch islamistischen Terror ins Wanken gebracht haben; die uns die katastrophalen humanitären und ökologischen Folgen des entfesselten Geldwesens vor Augen führten; die uns immer drängender mit der Frage konfrontierten, worum es uns auf dieser Erde überhaupt geht. 

Das wiederum ist keine neue Frage! Ärgerlich nur, dass man sie nicht beantworten kann, ohne dass die Antwort Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Vielleicht hilft es, die Perspektive in Anlehnung an einen Satz Rudolf Steiners zu formulieren, der sagt: „Suchst du dich selbst, so suche draußen in der Welt. Suchst du die Welt, so suche in dir selbst.“ Erschüttern wir uns am Ende selbst?  

Vor einigen Wochen besuchte ich einen älteren Herrn, der in der wunderschönen Mittelgebirgslandschaft Virginias eine Farm gegründet hat, deren vornehmstes Ziel es ist, den Bienen einen würdevollen Lebensort zu geben: in einem Land, in welchem zwei Drittel aller Bienenvölker in riesigen Containern herumgefahren werden, um die gigantischen Monokulturen zu befruchten, deretwegen sie ohne diese Transporte außerhalb der Blütezeit verhungern müssten. In einigen Gegenden Chinas werden die Obstbäume schon von Hand bestäubt, weil es keine Bienen mehr gibt. Der Grund des Besuches ist die Idee, dass die weit über 1.000 Waldorfschulen der Welt noch vor dem hundertjährigen Jubiläum dieser pädagogischen Bewegung im Jahr 2019 Bienen halten oder, wo das verboten ist, Bäume für sie pflanzen sollten.

Bienen sind Sonnenwesen, die nicht nur für die Befruchtung von zwei Dritteln unserer Nahrungspflanzen gebraucht werden, sondern uns vor allem zeigen, wie es um unsere Seelen bestellt ist. Um es noch einmal mit Steiner zu sagen: „Der ganze Bienenstock ist eigentlich von Liebesleben durchzogen.“ Die Liebe, die wir in unserem Herzen hegen, ist die „Substanz des Bienenstocks“. Was stirbt, wenn sie sterben? Was passiert mit uns, wenn wir die Erde zu einem Ort machen, an dem sie leben können? Wird sie dann auch zu einem Ort, an dem die Menschen menschlich leben können? 

Die Frage stellt sich also, ob wir uns genug erschüttern lassen, um Entscheidungen zu treffen, durch die sich die Welt verändert. Die Bienen sind ein wunderbares Bild für jene spirituelle Kraft, die unserer Freiheit erst die Würde gibt: für die Kraft einer Liebe, die wirksam werden will. Die Liebe ist der Honig der Freiheit, ohne den unser Dasein auf dieser Erde bitter wird. 

Links: spikenardfarm.org, queenofthesun.com

(Aus: Erziehungskunst, Ausgabe 1/2016)

Über den Autor: Henning Kullak-Ublick war von 1984 - 2010 Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis

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