11.10.2016

Freiraum und Sicherheit

Das Zwei-Generationen-Jugendhilfesystem der Familien Diemons und Anols

Wahrscheinlich kommen gleich Pippi Langstrumpf und Herr Nilsson um die Ecke. Oder die Bullerbü-Kinder. Vor dem Haus ein eigenes, selbstgezimmertes Kletter-Boot, mehrere Baum- und Spielhütten, eine Werkstatt zum Tüfteln, Hämmern und Sägen. Davor ein paar eigene Hochbeete, dahinter ein kleiner Bach zum Matschen oder Staudämme bauen. Im Sommer lockt der eigene (selbstgebaute) Pool, im Winter gibt es im Haus genügen Platz zum Spielen, Malen und Basteln. Ein Hund döst auf der Terrasse, ein anderer im Haus, dazwischen streunt eine Katze umher. Auf der Veranda hängt ein vergilbtes Schild. „Tired parents and happy kids live here“.

So sieht es aus bei dem Zwei-Generationen-Jugendhilfesystem Familie Diemons* und Familie Anols. Hier leben zwei Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften unter einem Dach. Da sind zum einen Frau Mons und Herr Diets mit ihren Pflegekindern Bosse (9) und Britta (11), und zum anderen Tochter Frau Ans mit ihrem Mann Herrn Ols und den Pflegekindern Inga (7) und Lasse (11). Der jüngste Sprößling ist der einjährige Ole, leiblicher Sohn von Frau Ans und Herrn Ols.

„Das Leben hier ist schon entschleunigt“, meint die 58-jährige Frau Mons und klingt dabei alles andere als unzufrieden. Seit gut sechs Jahren leben sie hier im beschaulichen Münsterland, hier haben die Kinder den für sie dringend nötigen Freiraum und Platz zum Leben. Bosse, Inga und Lasse haben jeweils ein Handicap, die Kinder leiden zum Teil unter dem Fetalen Alkohol Syndrom, das heißt die Mutter trank während der Schwangerschaft Alkohol, alle Kinder haben extreme Bindungsstörungen. Mit den damit verbundenen Verhaltensmustern ist der Alltag in beiden Familien oft turbulent und laut. Da ist es ein großer Vorteil, wenn man keine Sorgen haben muss, dass sich gleich die Nachbarn beschweren.

3800 Quadratmeter groß ist der Garten. Die Kinder nutzen diesen Platz weidlich aus: Sie haben eigene Beete, die sie bepflanzen und pflegen, sie basteln und werkeln in der Werkstatt, sie stromern am nahegelegenen Bach herum, matschen und buddeln im Sandkasten – und Lasse und Bosse widmen sich leidenschaftlich der Beseitigung der Brennnesseln.  Die Kinder genießen es, Spielkameraden und -kameradinnen in der eigenen Familie zu haben – und auch, dass es mehrere Erwachsene als Ansprechpartner gibt. „Das ist zweifelsohne ein Vorteil unseres Generationenmodells“, meint Frau Mons.

Frau Mons ist Erzieherin, ihre 33-jährige Tochter Frau Ans ist Heilpädagogin. „Wir sind zwar Profis, aber authentisch“, umschreibt Frau Ans das Herangehen der Frauen. „Die Kinder können uns einschätzen und wissen, woran sie bei uns sind. Sie merken, dass wir gerne mit ihnen zusammen sind.“ Zentral sei, den Kindern ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich fallen lassen können. „Sie brauchen Sicherheit“, so Frau Ans. Natürlich mischen auch die beiden Männer kräftig mit im Familienalltag. „Es ist schon gut, wenn die Kinder nicht immer in Pädagogen-Händen sind“, lacht Frau Mons.

Herr Diets (58) muss nicht lange nachdenken über die Frage, was eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben mit seinen Pflegekindern ist: „Eine positive Einstellung zu den Kindern, ihre Talente und Fähigkeiten erkennen und sie nach ihren Möglichkeiten fördern“. „Man muss schon eher der ‚Das Glas ist halbvoll‘-Typ sein“, ergänzt Frau Mons. Und Frau Ans steuert als weitere Zutat „gute Nerven“ bei. Flexibilität und Gelassenheit sind ebenfalls benötigte Eigenschaften

Und die Kinder? Britta bringt es auf den Punkt: „Ich bin gerne hier. Hier haben wir Platz, haben feste Strukturen. Und unsere Eltern trauen uns bei den Sachen, die wir machen.“

 

(* alle Namen im Text wurden redaktionell geändert)

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