Eine Chance auf ein gutes Leben

Petra und Thomas Krzis haben vier eigene Kinder. Sie alle sind gesund und in einem Umfeld voller Liebe und Geborgenheit aufgewachsen. Dennoch oder gerade deshalb hat das Ehepaar Kinder bei sich aufgenommen, deren Start ins Leben schwieriger war. Das jüngste Pflegkind der Familie ist Felisa-Sophie. Die Dreijährige ist mehrfach schwerstbehindert.

Das Kinderlächeln ist die Belohnung
23.12.2013 WAZ/Lokalausgabe Wesel, Hamminkeln und Schermbeck/Autorin: Denise Ludwig

Petra und Thomas Krzis aus Mehrhoog nehmen Pflegekinder auf, um ihnen eine Zukunft zu bieten. Felisa-Sophie braucht besondere Aufmerksamkeit, sie ist schwerstbehindert. Am zweiten Weihnachtstag hat sie Geburtstag-

Felisa-Sophies Augen zucken, plötzlich wandern sie hektisch hin und her. „Ein kleiner Anfall“, sagt Petra Krzis und tätschelt beruhigend die Hand ihrer fast dreijährigen Tochter. Ja, es ist ihre Tochter. Ohne Wenn und Aber. Petra und ihr Mann Thomas nahmen die Kleine zu sich, als sie zwei Monate alt war. Sie kam als Frühchen zur Welt, am 2. Weihnachtstag. Die Krzis schlossen sie sofort ins Herz. „Wenn sie eine Chance hat, dann nur bei uns“, sagte Thomas Krzis damals. Denn Felisa-Sophia ist kein Kind wie jedes andere. Sie ist mehrfach schwerstbehindert, niemand weiß, wie lange sie noch zu leben hat. Jeder Tag mit der Kleinen ist ein Geschenk für die Krzis.
„Sie gibt uns so viel"

Felisa-Sophie fordert Petra und Thomas Krzis gänzlich, die fast Dreijährige benötigt eine Betreuung rund um die Uhr. Inzwischen haben die Krzis eine Pflegekraft, das entlastet sie ungemein. Bis vor kurzem war Nachtruhe ein Fremdwort. Alle zwei Stunden wechselten sich Thomas und Petra ab und hielten Wache an Felisa-Sophies Bett oder beobachteten den Monitor, der den Zustand des Mädchens kontrollierte. Felisa-Sophie sitzt im Rollstuhl, sie ist angeschnallt, weil sie nicht alleine sitzen oder den Kopf halten kann. Sie hat eine schwerste Tetrasparese, leidet an einer nicht einstellbaren Epilepsie-Form, ist nahezu blind und die motorische Entwicklung ist stark gestört. „Und trotzdem ist sie unsere Tochter“, sagt Thomas Krzis. Wenn er über sie redet, schleicht sich ein zärtliches Lächeln auf sein Gesicht. „Sie gibt uns so viel“, sagt Petra Krzis. Wenn Papa zur Frühschicht aufsteht und an Felisa-Sophies Zimmer vorbeigeht, schnellt der Puls der Kleinen vor Freude in die Höhe.

Bei der Geburt wog sie gerade einmal 1440 Gramm. Die leibliche Mutter war minderjährig, durch eine Schwangerschaftsvergiftung war sie ins Koma gefallen. Dadurch hat Felisa-Sophies Gehirn irreparablen Schaden genommen. Auch die Lunge arbeitet nicht so, wie sie eigentlich sollte. Das Sekret, das gesunde Menschen abhusten, verbleibt in der Lunge, so dass das Atmen des Mädchens oft von einem Gluckern begleitet wird. Dann ist Pflegerin Domenica van Dellen zur Stelle und saugt den Schleim mithilfe einer Maschine ab.

Doch seitdem Felisa-Sophie einen Luftröhrenschnitt hat und ein Tracheostoma trägt, kann sie besser atmen. Auch das entlastet die Familie. Ja, in diesem Jahr können die Krzis sogar mal wieder Silvester mit Freunden feiern.
Sarah und ihr großer Rucksack

Nicht nur Felisa-Sophie nimmt die Aufmerksamkeit der Krzis in Anspruch. Auch Sarah braucht Liebe und Geborgenheit. Bevor die Fünfjährige zu den Krzis kam, lebte sie in einem Heim. Ein Kind, das wie viele andere keine Lobby hat. Sie galt als schwer vermittelbar, als ein Kind, das niemand haben wollte. Die Krzis wollten. „Jedes Kind, das hierher kommt, hat einen Rucksack zu tragen. Sarah hat einen sehr großen Rucksack“, sagt Thomas Krzis. Sarah macht tolle Fortschritte, ihr Intelligenzquotient ist, seitdem sie in der Familie lebt, um mehr als 30 Punkte gestiegen. Und Justin (8), den die Krzis adoptierten, ist inzwischen sogar Klassenbester im Fach Deutsch. Doch zu der großen Patchwork-Familie gehören noch mehr Mitglieder: Die Krzis haben drei eigene erwachsene Kinder und den zwölfjährigen Lukas Krzis sowie vier Enkel. Die Enkelkinder Nummer fünf und sechs sind unterwegs.

Eigentlich wären die Krzis mit ihrer leiblichen Familie ausgelastet. „Wir sind dankbar, dass unsere Kinder alle gesund sind“, sagt Mutter Petra. Gerade deshalb möchte sie anderen Kindern, die nicht das Glück haben, in Geborgenheit aufwachsen zu können, die Chance auf ein gutes Leben bieten. 15 Kinder sind seit 2002 schon in dem Haus der Krzis ein- und ausgegangen. Der Weg war nicht immer leicht.

Dennoch appelliert sie an Eltern, Pflegekinder aufzunehmen, es gebe viele Hilfen. „Das Lächeln der Kinder... dafür lohnt es sich.“ Eine frühere Pflegetochter kommt immer noch zu Besuch. Alisa ist 17 und dank der Krzis hat sie eine Zukunft vor sich. „Das hast du für mich gemacht“, sagte Alisa kürzlich zu Petra. Es ist das Schönste, was ein Kind zu seiner Pflegemutter sagen kann.



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