Eine schöne und bereichernde Erfahrung

Die Familie Bucknall nahm einen jugendlichen Flüchtling bei sich auf

Elisabeth Amshoff (2. v. l.) und Angelika Vennes (3. v. l.) vom Netzwerk Pflegefamilien im VSE konnten auf einer Informationsveranstaltung zum Thema „Unbegleitete ausländische Minderjährige“ Petra Bucknall (l.) begrüßen, die von ihren Erfahrungen berichtete. Edith Jung (r.) vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erläuterte die rechtlichen Rahmenbedingungen.

„Er saß da und lächelte mich an.“ Petra Bucknall kann sich noch genau an den Abend erinnern, als sie, ihre Familie und Sam gemeinsam am heimischen Esstisch saßen, um sich kennenzulernen. Sam war damals mit 17 Jahren aus Mali nach Deutschland geflüchtet und die Familie Bucknall konnte sich gut vorstellen, ein Flüchtlingskind bei sich aufzunehmen.

Im Rahmen einer Informationsveranstaltung des Netzwerks Pflegefamilien im Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen NRW (VSE) erzählte Petra Bucknall in den Räumen der Einrichtung am Dahlweg in Münster aus dem Alltag der nun fünfköpfigen Familie. Und sie konnte zudem einige konkrete Fragen der rund 40 Gäste beantworten, die sich allesamt für die Aufnahme eines „Unbegleiteten ausländischen Minderjährigen“ (UAM) interessierten. Zuvor hatte Edith Jung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die rechtlichen Hintergründe und Rahmenbedingungen erläutert, die die komplizierte Asylgesetzgebung setzt.

An jenem Abend im vergangenen Sommer „war auf jeden Fall sofort die gegenseitige Sympathie da.“ Die Bucknalls spürten, dass Sam in ihre Familie passt, und nach kurzer Bedenkzeit entschied sich auch Sam für die Bucknalls. Die Familie verfügt über jede Menge Erfahrung, denn mit dem zehnjährigen Anil, dem 18-jährigen Cem und der 19-jährigen Ada leben schon drei vom VSE vermittelte Pflegekinder in der Familie. Aber mit Sam, der als Flüchtling völlig allein in Deutschland ankam, ist natürlich einiges anders. „Ich habe nicht das Gefühl, dass  er neue Eltern sucht, sondern eher Personen, denen er vertrauen kann und die ihm zur Seite stehen“, schildert Petra Bucknall.

Jetzt, rund neun Monate später, geht Sam auf eine Berufsschule, spielt Fußball, ist oft mit dem nahezu gleichaltrigen Cem unterwegs und überhaupt sehr selbstständig. Aber die unbeschreiblichen Dinge, die der Junge auf seiner Flucht erlebt haben muss, kommen immer wieder an die Oberfläche. „Sam ist sehr sensibel“, so Petra Bucknall. Spürbar wurde dies beispielsweise bei den Attentaten in Paris: Die fußballbegeisterte Familie saß vor dem Fernseher und verfolgte das Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich. Als die ersten Informationen über das Attentat bekannt wurden, fing Sam an zu weinen – er hatte Angst, dass der Terror, vor dem er aus Mali geflohen ist, ihn nun in Deutschland wieder einholt.

„Es ist sehr wichtig, dass die Pflegeeltern begleitet werden“, schildert Petra Bucknall rückblickend ihre Erfahrungen. Der Vormund kümmerte sich um Dinge wie Pass, Aufenthaltsstatus oder den Sprachkurs und unterstützte auch bei der Suche nach einer passenden Schule. Bei allen Fragen und Problemen standen zudem die Mitarbeitenden des Netzwerks Pflegefamilien den Bucknalls immer zur Seite.

Auch das Netzwerk Pflegefamilien hat sich dem Thema „Unbegleitete ausländische Minderjährige“ angenommen und ein Konzept zur Begleitung von Pflegefamilien erarbeitet, die diese Kinder und Jugendlichen bei sich aufnehmen wollen. Die jungen und oft traumatisierten Flüchtlinge  sollen einen sicheren Lebensort und Versorgung durch beständige Bezugspersonen finden. Dabei können die festen Beziehungen in einer Familie die Alltagsintegration der Jugendlichen besonders gut fördern. Besonderen Herausforderungen wie Sprachbarrieren, Traumata oder kulturelle Andersartigkeiten will das Netzwerk Pflegefamilien durch eine kontinuierliche Qualifizierung und Begleitung der Pflegeeltern meistern. So gibt es für sie beispielsweise Fortbildungen zur rechtlichen Situation der minderjährigen Flüchtlinge, zum Umgang mit Traumata und anderen existentiellen Themen wie Trennung, Verlust und Trauer oder dem religiösen und kulturellen Hintergrund der jungen Flüchtlinge.

„Natürlich war die Anfangszeit schwierig“, erinnert sich Petra Bucknall. Alle Beteiligten mussten sich erst einmal kennenlernen und aufeinander einstellen. Aber missen möchten die Bucknalls das Zusammenleben mit Sam nicht. „Es ist eine unheimlich schöne und bereichernde Sache“ sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Info:

Junge Flüchtlinge aufnehmen können interessierte Familien mit oder ohne eigenen Kindern, Paare und Einzelpersonen. Interessierte können sich gerne mit dem VSE in Verbindung setzen. Ansprechpartnerinnen sind Elisabeth Amshoff (Tel. 0251 - 686 442-24) und Angelika Vennes (Tel. 0251 - 686 442 -15).