Ganz normal ...

So beschreiben Anne und Walter Sierp ihr Familienleben. Dazu gehört auch mal ein Krach zwischen der 17-jährigen Adoptivtochter Tereza und ihrem 10-jährigen Bruder, dem Pflegekind Julian. Ganz unterschiedlich sind die Hintergründe der beiden Kinder: Tereza stammt aus Brasilien und kam im alter von zwei Jahren nach Deutschland, Julian lebte in einem Detmolder Kinderheim.

"Julian hat uns ausgesucht"                                                                             
24.08.2012/Neue Westfälische/Kreis Gütersloh/Autor: Holger Kosab


Die Geschichte der Pflegefamilie Sierp aus Gütersloh

Anne und Walter Sierp würden alles noch einmal genauso machen. Auch wenn es Tage gibt, an denen sie denken: "Warum haben wir uns das angetan!" Damit meinen sie ihre beiden Kinder, zwischen denen es, wie in jeder anderen Familie, mal kracht. Da sind die adoptierte und aus Brasilien stammende Tereza (17) und ihr Bruder, Pflegekind Julian (10), keine Ausnahme.

Jahrelang hatte das Paar sehr viel versucht, um ein gemeinsames Kind zu bekommen. Ohne Erfolg. So entschieden sie sich, ein Kind zu adoptieren. Da die Altersgrenze von 35 Jahren für Adoptionen in Deutschland bereits überschritten war, ging es nur über eine internationale Vermittlung. Zweieinhalb Jahre mussten sie jedoch warten, ehe die Organisation Pro Adopt sich meldete. Dann ging’s für fünf Wochen nach Sao Paulo, in eine völlig andere Welt mit 18 Millionen Einwohnern. Eine Ordensschwester - Gilda - war der einzige Kontakt. Sie übersetzte unter anderem einen dicken Ordner mit Unterlagen aus dem Deutschen ins Portugiesische.

Im Alter von zweieinhalb Jahren kam Tereza nach Deutschland. Sprachlich habe es keine Probleme gegeben, sagt Anne Sierp. Tereza selbst hätte sich im Nachhinein allerdings gewünscht, zweisprachig aufgewachsen zu sein. Und sie erinnert sich, dass sie damals erst einmal kräftig gefroren habe. Selbst an den vergangenen Tagen mit hohen Temperaturen hätte es noch etwas heißer sein können. Doch bis darauf ist sie komplett angekommen. Regelmäßig trifft Tereza ihre Geschwister, die nach einer Adoption ebenfalls in Deutschland leben. Ihre beste Freundin wohnt gleich gegenüber. Zur Zeit absolviert die Schülerin des Reckenberg-Berufskollegs ein Jahrespraktikum in einer Kindertagesstätte: Ihr Berufswunsch ist Erzieherin.

Jahre später beschlossen die Sierps, ein zweites Kind zu adoptieren. Doch dies war aufgrund einer veränderten Gesetzeslage nicht mehr möglich. Dann las Anne Sierp in der Zeitschrift des Verbunds Sozialtherapeutischer Einrichtungen, dass Pflegefamilien gesucht würden. So kamen sie auf Julian, der in einem Detmolder Kinderheim lebte.

"Wir haben uns bewusst für ein zweites dunkelhäutiges Kind entschieden", sagt Anne Sierp. Zwischen ihnen sollte dadurch gleich ein Gefühl von Nähe entstehen. Wie richtig dies war, verdeutlicht Tereza. "Ich finde es gut, dass mein Bruder ebenfalls farbig ist", sagt sie.

Anne Sierp und ihr Mann haben sich Julian innerhalb eines dreieinhalb Monate langen Prozesses angenähert. Zunächst sahen sie ihn nur hinter einem blinden Spiegel, dann wurde das Paar als Bekannte der Erzieherin ausgegeben, die auf dem selben Spielplatz waren.

"Der Julian hat uns ausgesucht", sagt Walter Sierp. Bevor er Pflegekind wurde, war er testweise eine Nacht bei der Familie. Kurz darauf zog er für immer nach Kattenstroth. Anfangs musste der Junge, der bis zu seinem vierten Lebensjahr nur bei seiner Mutter gelebt hatte, einiges aufholen. Er wurde, logopädisch und psychomotorisch betreut und bekam Hilfe durch therapeutisches Reiten. Doch das ist Vergangenheit. Heute bestaunt Walter Sierp Julians fotografisches Gedächtnis, mit dem er alle immer wieder überrascht. Während Tereza beim SV Spexard kickt, spielt Julian im selben Verein Tischtennis und fährt gern BMX-Rad.

Aus erster Ehe hat Walter Sierp seinen Sohn Tobias (39), der auf die ersten Pläne des Vaters, ein Kind zu adoptieren, locker reagierte. "Überraschter waren da schon die Bekannten", sagt Walter Sierp. Seine Mutter hatte bis zu ihrem Tod große Ängste wegen Terezas Hautfarbe - und dass das Mädchen Probleme bekomme. Dabei gibt’s auch immer wieder mal seltsame Blicke oder dumme Sprüche beispielsweise auch von Mitschülern. Doch Tereza steht darüber, auch wegen ihrer Familie.

"Wir wollen den Kindern nicht helfen und haben kein Helfersyndrom. Wir wollen den Kindern eine Familie geben", sagen Anne und Walter Sierp. So wie sie leben, ist es ganz normal. Dass sie irgendwie anders sein könnten - darüber machen sie sich keine Gedanken.

 

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