„Zu wissen, dass wir als ganzes Paket willkommen sind …“

Anna-Lena Kullik ist mit Pflege-Geschwistern aufgewachsen, heute hat sie eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft

Vor zwei Jahren entschied sich Anna-Lena Kullik, den Schichtdienst als Heilpädagogin gegen die Arbeit in den eigenen vier Wänden einzutauschen. „Ich habe die Arbeit gedanklich immer mit nach Hause mitgenommen“, erinnert sie sich.
Heute gehören Familie und Arbeit für die 31-Jährige eng zusammen: Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten hat sie eine Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft mit zwei Plätzen.
Ein zehnjähriger Junge und ein fünfjähriges Mädchen haben bei den Kulliks ein neues Zuhause und einen geregelten Alltag gefunden. Beide haben eine Behinderung. Als diplomierte Heilpädagogin ist Anna-Lena Kullik gut ausgebildet, um sie in ihren Bedürfnissen optimal unterstützen zu können. „Endlich kann ich mich ganz auf diese eine Aufgabe konzentrieren“, sagt sie.

Wichtig für ihre Arbeit ist auch eine zuverlässige Bernhardiner-Dame. Der ausgebildete Therapiehund gehört mit noch einem zweiten Vierbeiner zur Familie und zum Betreuungskonzept. Besonders dem Pflegesohn habe das Tier sehr dabei geholfen, in der Familie anzukommen, sagt die Pädagogin. „Die Hündin war wie ein Eisbrecher“, erinnert sie sich.  Wie seine Pflegeschwester konnte der damals Achtjährige nicht länger in seiner Herkunftsfamilie aufwachsen. Zu der Hündin habe der Junge schnell Vertrauen gefasst, sie half ihm dabei, das Erlebte zu verarbeiten.

Schon bevor Anna-Lena Kullik sich für das Leben in einer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft entschied, wusste sie, was es heißt, mit Pflegekindern unter einem Dach zu leben. Ihre Eltern hatten als Bereitschaftspflegefamilie immer wieder Kinder in akuten Krisensituationen bei sich aufgenommen. „Das war auch mal stressig, klar“, erinnert sie sich, „aber ich habe den Kontakt immer als Bereicherung empfunden.“

Heute leben ihre Eltern auf dem gleichen Grundstück direkt nebenan, auch sie bilden mit zwei Kindern eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft. „Jeder hat einen eigenen Eingang, einen eigenen Alltag, eigene Regeln“, beschreibt Anna-Lena Kullik das Zusammenleben. Gegenseitige Hilfe und Unterstützung seien dennoch selbstverständlich. Dieser Rückhalt sei eine entscheidend wichtige Voraussetzung, wenn man Arbeit und Privates vereinen möchte. „Unser ganzes soziales Umfeld macht mit“, sagt sie. „Zu wissen, dass wir als ganzes Paket willkommen sind, macht es leichter.“ Wenn es mal schwierig wird, sind Familie und Freunde da. Auch der VSE als Träger ist für sie eine wichtige Anlaufstelle, um Probleme und Fragen jederzeit klären zu können.

Bei aller Unterstützung, starke Nerven und Geduld braucht sie manchmal trotzdem, sagt Anna-Lena Kullik. Jeden Tag Fortschritte sehen zu können, und seien sie noch so klein, das ist für sie das Besondere im täglichen Zusammenleben mit den Kindern. Einen Feierabend wie ihn andere Menschen haben, gibt es bei ihr nicht.
Und trotzdem: Gerade der Alltag ist es, der Anna-Lena Kullik motiviert, sich der Herausforderung dieser besonderen Familien- und Arbeitsform immer wieder aufs Neue zu stellen: „Wenn wir alle zusammen am Tische sitzen, jeder erzählt und wir gemeinsam lachen und Spaß haben, weiß ich, dass das Gute überwiegt.“