„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“

Netzwerk Pflegefamilien im VSE NRW e.V. feierte sein 20-jähriges Bestehen mit Fachkollegen und mehr als 300 Pflegeeltern, Kindern und Jugendlichen in Münster

„Alles war ganz neu für mich“, erinnert sich Nathalie, „und alles war schöner.“ Vor acht Jahren kam die heute 16-Jährige zu ihren Pflegeeltern Christa und Martin. Die beiden hatten bereits eine ältere Tochter, vor drei Jahren kam auch noch Pflegekind Matthias in die Familie. 

Leonie war vier Jahre alt, als sie vor vier Jahren in die Familie von Bernd und Erika kam. Als sechstes nach fünf leiblichen Kindern. „Wir wollten immer eine große Familie“, sagt Erika, die die Erfahrung, einem Pflegekind ein Zuhause geben zu können, nicht missen möchte.

Nico, der heute sechzehn ist, lebt seit zehn Jahren bei Josef und Hajo. Mit drei Jahren war er ins Kinderheim gekommen, weil seine Mutter nicht für ihn sorgen konnte. Jetzt hat er zwei Väter, die ihm Sicherheit und Geborgenheit geben.

Am vergangenen Wochenende feierten diese drei Familien gemeinsam mit mehr 300 Pflegeeltern, Kindern, Jugendlichen und Fachleuten unter dem Motto „Neue Wege – mutige Sprünge“ das 20-jährige Bestehen des Netzwerks Pflegefamilien im VSE NRW e.V. Der Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen ist der größte Träger für Westfälische Pflegefamilien in Westfalen-Lippe. Mit vier Familien fing die Arbeit 1993 an, derzeit leben 310 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften, die vom VSE begleitet werden. 40 Beraterinnen und Berater sind an inzwischen vier Standorten in Münster, Bielefeld, Recklinghausen und Osnabrück für die Familien da.

„Wir haben uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorgestellt, dass unsere Arbeit einmal diese Dimension erreicht“, sagte Monika Rüsch im Rahmen der Jubiläumsfeier. Die Pädagogin gehört zu den ersten Mitarbeiterinnen, die das Konzept der Westfälischen Pflegefamilien mit dem Landesjugendamt umsetzten. Matthias Lehmkuhl, Referatsleiter im Landesjugendamt, lobte in seinem Grußwort die besondere Rolle des freien Trägers für die Weiterentwicklung des Pflegekinderwesens: „Der VSE hat Dogmen hinterfragt und durch eine gute Praxis widerlegt. So haben Sie nicht akzeptiert, dass das Pflegekind immer das jüngste der Familie sein müsse oder Geschwisterkinder nicht gemeinsam vermittelt werden sollten.“

Der VSE stellt die Kinder und die Familien in den Mittelpunkt und ist davon überzeugt, dass es für jedes Kind eine Pflegefamilie oder Lebensgemeinschaft geben kann. Zugleich wird grundsätzlich jeder Bewerberfamilie zugetraut, Pflegefamilie zu sein. Wie sehr diese Praxis auch durch die Wissenschaft bestätigt wird, belegte Prof. Dr. Klaus Wolf, Deutschlands führender Forscher auf dem Gebiet der Pflegekinder und -familien in seinem Vortrag. „Nicht die Pflegeeltern müssen Spezialisten sein“, so der Wissenschaftler, „sondern sie brauchen Spezialisten und Dienstleister, die das private Leben unterstützen.“ 

Die Jubiläumsfeier war für den VSE vor allem auch ein Anlass, den Familien für ihr Engagement zu danken. „Pflegefamilien haben eine viel größere gesellschaftliche Anerkennung verdient“,  sagte Monika Rüsch. „Unsere Pflegefamilien zeigen: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“ Pflegekind Leonie könnte zu Hause ausziehen, wenn sie 18 wird. „Ich möchte länger bleiben“, sagt sie. „Wenn ich erwachsen bin, kümmere ich mich um meine Pflegeeltern. Dann kann ich was zurückgeben.“