Wir sind als Familie näher zusammengewachsen

Pflegefamilien in Zeiten der Corona-Krise

Mit dem Verein "PAN Pflege- und Adoptivfamilien NRW" stehen wir seit langer Zeit in engem Kontakt. Der Verein bringt regelmäßig das Fachmagazin "Paten" heraus. In der aktuellen Ausgabe sind unter anderem Beiträge von Trägern, Jugendämtern und Praxen enthalten, die ihre Wege und Erfahrungen in der Corona-Krise aufzeigen. Auch wir vom Netzwerk-Pflegefamilien haben einen Beitrag verfasst. Dazu haben wir mehrere Interviews mit Pflegefamilien geführt. Unseren Artikel können Sie hier nachlesen. Wenn Sie Interesse an dem ganzen Magazin haben, klicken Sie auf diesen Link. Wir bedanken uns beim Verein PAN für diese Möglichkeit und natürlich bei unseren Pflegefamilien, die uns für ein Interview bereit standen.

 

„Wir sind als Familie näher zusammengewachsen“

Pflegefamilien in Zeiten der Corona-Krise

Die Corona-Krise hat das Leben aller Menschen mit einem Schlag massiv verändert. Kontaktverbote, Abstandsregeln, Maskenpflicht, dazu Home-Office, Home-Schooling und Videokonferenzen: Die sogenannte „Neue Normalität“ stellt unser Leben auf den Kopf. Gewohnte Alltagsrituale müssen neu strukturiert werden. Insbesondere Familien mit jüngeren Kindern mussten sich so ganz neu organisieren und teils immense Anstrengungen unternehmen, Beruf und Familie wieder in Einklang zu bekommen. Eltern wurden so gleichzeitig zu Lehrer*innen, Pädagog*innen, Trainer*innen und noch vieles mehr. Eltern wurden einem wirklichen „Stresstest“ unterzogen. Doch wie sieht der Alltag von Familien mit Kindern aus, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr bei den leiblichen Eltern wohnen können? Wie wirken sich die Folgen des „Lockdowns“ und des „Social Distancing“ auf die Kinder aus, die u.a. psychische und körperliche Gewalt erfahren haben? Und wie verändern sich familiäre Konstruktionen durch diese Krise? Wir wollen mit diesem Text einen ersten Einblick in unsere Erfahrungen von Pflegefamilien in der Corona-Zeit geben.

 

Das Netzwerk Pflegefamilien in Zeiten der Corona-Krise

Das „VSE Netzwerk Pflegefamilien“ begleitet derzeit 440 Kinder und Jugendliche in Westfälischen Pflegefamilien und Bereitschaftspflegefamilien, sowie 33 Kinder und Jugendliche in sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften. An unseren Standorten in Münster, Bielefeld, Recklinghausen, Osnabrück, Warburg und Leverkusen sind über 60 Mitarbeiter*innen in engem und persönlichem Kontakt zu den Kindern und ihren Pflegeeltern. Regelmäßige Treffen werden bei uns in der Regel im heimischen Umfeld der Pflegeeltern durchgeführt. Aus unserer Überzeugung und den Erfahrungen aus über 25 Jahren sind eine unabhängige und vertrauensvolle Bindung zu der Pflegefamilie die beste Möglichkeit, eine hilfreiche und nachhaltige Unterstützung bieten zu können und den Kinderschutz zu gewährleisten.

Die Kontakteinschränkungen durch die Corona-Pandemie haben unser Konzept des engen und persönlichen Kontakts im häuslichen Umfeld der Pflegeeltern kräftig durcheinandergewirbelt. Keine Hausbesuche, Unterbrechung von Umgangskontakten, Absagen von Hilfeplan- und Fachgesprächen, unterbrochene Bewerber*innenvorbereitung, Homeoffice und strenge Hygieneauflagen zwangen uns zu einem raschen und hohen kreativen Umdenken. An erster Stelle vor- und in der Corona-Zeit steht für uns der Schutz der Kinder und eine stabile und positive Beziehung innerhalb der Pflegefamilie. Der Schutzraum, den eine Pflegefamilie für ein Kind einnimmt, muss auch in diesen Zeiten gewährleistet bleiben. Konkret haben wir in unseren Teams vereinbart, die Kontakte zu den Familien und Kindern unabhängig von den vereinbarten Beratungsschlüsseln zu intensivieren. Seitdem telefonieren wir wöchentlich mit den Pflegefamilien, wenn gewünscht auch gerne als Videokonferenz. Wir können für uns festhalten, dass sich der Kontakt und unsere Arbeit zwar organisatorisch verändert hat, die Qualität der Arbeit jedoch weitestgehend beibehalten werden kann. Sehr interessant ist es für uns, dass wir teilweise ganz neue Einblicke in den Alltag der Pflegefamilien erhalten haben.

 

Die „neue Normalität“ in den Pflegefamilien

Unsere ersten Erfahrungen, die wir in unserer Arbeit machen konnten in Bezug auf die besondere Situation von Pflegefamilien, sind zunächst beruhigend. Die Anzahl krisenhafter Entwicklungen hat sich aus unserer Sicht bisher nicht erhöht. Viele der Familien und Kinder erleben die Corona-Zeit als ein intensives Miteinander, welches die Bindung in der Familie stärkt. So erzählen uns Eltern und Kinder, dass sie viel mehr gemeinsame Zeit verbringen. Fallen Schule und der Verein pandemiebedingt aus, werden zuhause die Turngeräte aufgebaut. „Die Kinder waren wie im Ferienlager in den ersten Wochen seit Corona“, erzählt uns eine Pflegemutter bei einem Videogespräch. Dazu wird häufiger zusammen gekocht und gebacken. Eltern berichten, dass ihre Pflegekinder mittlerweile selbst den Kochlöffel in die Hand nehmen und das Mittagessen von den Kindern zubereitet wird. Auch das Home-Schooling sehen viele Eltern als bereichernd. Nicht nur, dass es ihnen die Gewissheit gibt, dass die Kinder sich weiterhin bilden können, auch lernen die Eltern viel über die individuellen Lernprozesse und –stärken ihrer Kinder.

 

„Ein fester Tagesablauf ist enorm wichtig!“

Neben diesen positiven Aspekten erzählen uns Pflegeeltern aber auch häufig von den Schwierigkeiten der Balance zwischen Arbeit und Familie. Eltern müssen die Arbeit von zuhause aus erledigen, während nebenan eine Kissenschlacht stattfindet. Auch haben einige Elternteile (insbesondere Frauen) ihre Arbeitsstundenzahl reduziert oder den Beruf für einige Zeit auf Eis gelegt. Ja, die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind für Familien stark. Deshalb ist es uns wichtig, die Familien in ihrer aktuellen Situation zu bestärken und ihnen den Rücken frei zu halten. In den meisten Pflegefamilien, die wir betreuen, funktioniert das familiäre Zusammenleben gut. Wichtig ist, so sagen es uns viele Pflegeeltern, eine klare und genaue Tagesstruktur einzuhalten. Gerade Pflegekinder benötigen meist einen geregelten Tagesablauf, auf den sie sich verlassen können. Das ist natürlich nicht immer leicht in diesen Tagen, wo sich von heute auf morgen die Voraussetzungen ändern. So berichtet uns eine Pflegemutter, dass ihr autoaggressives Pflegekind im Home-Schooling sehr hohe Ansprüche an sich selbst entwickelt hat, wodurch zwischenzeitlich das aggressive Verhalten gegen sich selbst wiederaufkam. Uns ist es dabei wichtig, den Eltern beiseite zu stehen und mit ihnen über die Gründe des Verhaltens zu sprechen. Pflegekinder tragen eine hohe psychische und körperliche Belastung mit sich. Solch gravierende Veränderungen im Tagesablauf gehen an keinem vorbei und erst recht nicht bei traumatisierten Kindern.

 

„Bei der Tasse Kaffee am Morgen finde ich meine Ruhe.“

Home-Office, Familienzeit, Home-Schooling – alles erfordert ein hohes Maß an zeitlichen Ressourcen. Zeit für sich selbst bleibt da eigentlich kaum. Doch einige Pflegeeltern haben uns ihre Tricks verraten, wie sie es schaffen, auch selbst einmal zur Ruhe zu kommen. Eine Pflegemutter nutzt beispielsweise die Zeit bevor die Kinder wach werden, um in Ruhe einen Kaffee am Morgen zu trinken und Zeit für sich zu haben. „Den Kopf hängen lassen darf man nicht!“, erzählte sie uns. Denn ansonsten „rafft es einen ganz schnell dahin“. Auch die Kinder reagieren sehr schnell darauf, wenn die Eltern einen schlechten Tag haben. Deshalb ist ihr die Stunde am Morgen so wichtig, um positiv in den Tag zu starten.

 

In einigen Situationen ist ein direkter Kontakt unumgänglich

Der wöchentliche Kontakt per Telefon oder Videokonferenz ist uns sehr wichtig. So können wir mit allen Familien in engem Kontakt bleiben und aufkommende Krisensituationen direkt zu Beginn auflösen. Aber es gibt natürlich auch Bereiche, bei denen ein direkter Kontakt unumgänglich ist. So konnten wir ein Pflegekind vermitteln, wo dringender Handlungsbedarf bestand. Alternativ hätte das Kind in eine Einrichtung geschickt werden müssen. Wir konnten trotz Corona, mit Einhaltung der Abstandsregelungen, eine geordnete Kennenlernphase abschließen und somit dafür sorgen, einem Kind eine tolle Chance auf ein neues Leben zu geben. Mit der Pflegemutter sind wir seit Jahren in engem Kontakt, sie lebt derzeit mit zwei weiteren Pflegekindern in einem Haushalt. Sie erzählte uns, dass die Eingewöhnungsphase für die Familie besonders intensiv und nah war, da durch Corona alle Personen im Haushalt viel Zeit miteinander verbracht haben. Die Pflegekinder konnten so sehr schnell eine Bindung zueinander aufbauen.

 

Virtuelle Fortbildungen und Jugendtreffs

Um den direkten Kontakt so schnell wie möglich weiter ausbauen zu können, haben wir intern ein Hygienekonzept erarbeitet. Unsere Büros bleiben mit einer Notbesetzung weiterhin geöffnet, die Mitarbeitenden arbeiten weitestgehend im Home-Office. Teamsitzungen und Fallberatungen finden per Videokonferenz statt. Wenn die Situation es vor Ort zulässt, treffen wir uns mit den Pflegeeltern im Garten oder auf dem Balkon. Auch Umgangskontakte zu den leiblichen Eltern werden von uns weiterhin organisiert und begleitet, entweder virtuell, per Brief oder wenn es die Möglichkeit gibt, bei einem direkten Treffen.

Das VSE Netzwerk Pflegefamilien bietet eine Vielzahl von Vorträgen, Workshops und Festen an. Diese mussten wir natürlich entweder absagen oder verlegen. Alle betreuten Familien wurden von uns zu den Maßnahmen umfassend informiert, ebenso wie die Kooperationspartner*innen in den Jugendämtern, der Vormundschaft und die Herkunftsfamilien. Wir erarbeiten derzeit Konzepte, wie wir unsere Fortbildungsarbeit digitalisieren können. Bewerber*innenvorbereitung und bspw. Biografiearbeit mit den Pflegekindern haben wir schon per Videochat durchführen können. Für die Pflegekinder haben wir Videochaträume eingerichtet, wo die Jugendlichen untereinander in Kontakt bleiben, sich etwas erzählen können oder auch mal ein Quiz gespielt wird. Außerdem haben wir einen Malwettbewerb durchgeführt, bei dem die Kinder unser Känguruhmaskottchen in den tollsten Farben und Orten malen konnten. All das hat für uns den Zweck, dass der Kontakt mit der Pflegefamilie auch in dieser schweren Zeit nicht nur bestehen bleibt, sondern im besten Fall ausgebaut werden kann. Es tut uns selbst gut zu wissen, am Leben der Familie weiter teilhaben zu können und ihre Entwicklung zu verfolgen. Die meisten Eltern nehmen dieses Angebot sehr gerne wahr. Jede Familie hat einen festen Berater oder eine feste Beraterin, an die sie sich auch jetzt jederzeit wenden kann.

 

Familien brauchen eine Lobby

Viele Eltern erleben die aktuelle Zeit zwar als herausfordernd, aber auch sehr positiv für ihre Familie. Den Wegfall von Belastungen in der Schule und in anderen sozialen Zusammenhängen erleben viele Kinder und auch die Pflegeeltern als entlastend. Sie wünschen sich auch in der Zeit nach Corona ein Besinnen auf Ruhe und Entspannung. Einige Kinder haben das Briefeschreiben für sich entdeckt, auch werden häufiger Pakete und Postkarten verschickt. Eine Pflegemutter bringt es auf den Punkt: „Man hat durch das Social Distancing nicht keinen Kontakt zu anderen Menschen, sondern einen anderen.“ Ruhe und Muße wünschen sich viele unserer Pflegeeltern. Zeit, etwas mit ihren Kindern erleben zu können. Das braucht vor allem Akzeptanz in der Gesellschaft. Akzeptanz, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht immer leicht ist. Akzeptanz für die Bedürfnisse von Kindern. Und Akzeptanz von Andersartigkeit. So berichtet die Pflegemutter eines Kindes mit Behinderung, dass sie es als äußerst kritisch empfindet, wenn über die besonderen Herausforderungen und Sorgen von Menschen mit einer Behinderung kaum geredet wird. Wenn Einrichtungen geschlossen und Therapien ohne die Möglichkeit von Alternativen abgesagt werden müssen, fühlen sich Eltern häufig allein gelassen. Hier geben wir unsere bestmögliche Hilfe, sind jedoch auch den aktuellen Umständen unterworfen. Generell wünschen sich viele Eltern, dass die Leistung, die Eltern jeden Tag erbringen, mehr Anerkennung findet. „Kinder haben keine Lobby“, erzählt uns eine Pflegemutter. Im Gegenteil werden Kinder in den sozialen Netzwerken manchmal sogar als „Virenschleuder“ oder Ähnlichem bezeichnet. Solche sinnlosen und falschen Aussagen belasten Familien und sorgen für ein aggressives gesellschaftliches Klima.

 

Pflegefamilien leisten eine tolle Arbeit

Die Pflegefamilien, leisten eine tolle Arbeit, ihren Pflegekindern ein gutes und erfüllendes Leben auch in der Corona-Zeit zu ermöglichen. Es ist vieles anders geworden, auch in unserer Arbeit beim VSE Netzwerk Pflegefamilien. Es braucht oftmals sehr kreative und individuelle Lösungen. Ein umfangreicher Kontakt zu den Pflegefamilien ist deshalb enorm wichtig. Pflegeeltern brauchen eine wirkliche Anerkennung ihrer Leistung, sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Die Stärkung von Familien und den Jugendhilfeeinrichtungen in der Corona-Zeit (und darüber hinaus) ist aus unserer Sicht für eine funktionierende Gesellschaft elementar. Ohne die vielen Eltern, die jeden Tag Arbeit und Familie neu organisieren, würde unser System kollabieren.