Workshop "Trauma und Integration"

„Ich will eine richtige Familie haben“, sagt Jakob. Ein Wunsch, der selbstverständlich klingt. Für ein traumatisiertes Kind ist er etwas ganz besonderes. Der siebenjährige Junge hat eine Familie gefunden – eine Pflegefamilie.

Die Geschichte von Jakob war eines der Beispiele, mit denen werdende Pflegeeltern sich jetzt im Rahmen eines Workshops beim Netzwerk Pflegefamilien im Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) in Münster auseinandersetzten.

Mehr als 20 Paare bereiten sich dort derzeit auf die neue Aufgabe als Pflegeeltern vor. Nach einem Workshop zu „Bindung und Herkunftsfamilie“ stand jetzt das Thema „Trauma und Integration“ im Mittelpunkt.

Jakobs leibliche Eltern konnten keine Bindung zu ihm aufbauen, die Mutter war psychisch krank, der Vater distanzierte sich. Das Kind wurde eingesperrt, bekam zu wenig zu essen und war als Kleinkind oft lange allein. Bis es aus der Familie herausgenommen wurde, zunächst zu Verwandten kam und schließlich in eine Pflegefamilie, verging einige Zeit.

Wie sich diese  belastenden Erfahrungen auf die Seele, aber auch auf den Körper von Kindern auswirken, das erfuhren die werdenden Pflegeeltern  im Rahmen des Workshops.
Sie lernten aber vor allem Möglichkeiten kennen, im Alltag auf die Bedürfnisse und das vielleicht herausfordernde Verhalten der Kinder zu reagieren. Und für die Ressourcen, die die Kinder mitbringen, aufmerksam zu sein. „Stabilität, Sicherheit, Vertrauen, Ehrlichkeit oder Rituale – vieles was die Pflegeltern den Kindern intuitiv mitgeben wollen, sind gute und richtige Reaktionen“, sagt VSE-Familien- und Traumaberater Marcus Grzesko. „Zu wissen, was ein Kind dazu bewegt, aggressiv zu reagieren oder sich zurückzuziehen, hilft den Eltern dabei, mit diesem  Verhalten umzugehen.“

Die Vorbereitung auf die Aufgabe als Pflegefamilie dauert beim VSE NRW ein knappes Jahr. Neben den Workshops gibt es individuelle Beratungstermine bei den zukünftigen Pflegeeltern zu Hause.  In dieser Zeit erfahren die Familien auch, was es heißt, eine öffentliche Familie zu sein. Denn eine Pflegefamilie ist immer Teil eines größeren Systems, zu dem viele helfende  Institutionen und auch die Herkunftsfamilie der Kinder gehört.

„Wir freuen uns, dass wir in diesem Jahr sehr viele Bewerberinnen und Bewerber haben“, sagt Marcus Grzesko. „Viele von ihnen sind über die Empfehlung anderer Pflegeeltern zu uns gekommen.“ Die Motivation der Menschen sei dabei ganz unterschiedlich, ihre Lebenssituation auch. „Zu uns kommen verheiratete Paare ebenso wie gleichgeschlechtliche oder alleinlebende Menschen. Manche haben eigene Kinder, andere nicht. Manche entscheiden sich bewusst dafür, ein behindertes Kind aufzunehmen, andere wollen einem benachteiligten Kind eine Chance geben.“